Nicht leben

Mein Schädel brummt. Ich lenke mich ab von jeder Verpflichtung, selbst wenn die Verpflichtung Leben heißt. Anstrengend habe ich es empfunden, auch für andere ein Leben zu führen, wo das eigene Leben und Überleben schon die höchste Anstrengung erforderte und mich „scheinbar“ und schließlich überforderte. Ich kann nicht mehr schreiben, weil ich nicht leben, nicht erfahren kann. Ich wünschte, ich hätte Besseres, weniger Egozentrisches geschrieben. Es ist nicht gut, wie ich mein Leben hinbekommen habe.
Die meisten Einschnitte waren Zufälle, ich bin in etwas hineingefallen, weil ich zu lange untätig war. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die durch ihre Warmherzigkeit und Aufmerksamkeit das von mir ins Leben zurückholen, was nicht von ihnen gefordert wird. Das sind Ereignisse, die das bloße Existieren zum emphatischen Leben machen. Es gibt so viele Menschen, die ich verloren habe. Vielleicht habe ich sie verloren, weil ich immer schon verloren gewesen bin, man kann mich nur kurz finden, kurz versuchen zu entdecken, doch schnell wird man bemerken, dass ich allein in diesem Leben bin. Es ist ein Leben, das ich mir so zurecht gelegt habe. Mein Leben ist auf sich selbst gestellt. Es lässt kein Außen zu, blockiert es, will sich nicht offenbaren. Zu viel Schmerz kam von Außen, die Angst ist Innen geblieben. Die Angst regiert dieses auf sich selbst bezogene Leben. Die Angst schließt mich in diesem Leben ein. Aber die Angst hat auch Risse.

Schreiben (2): Schreiben als Bewegung

Mein Schreiben braucht die Möglichkeit. Schreiben geht nur im Zustand der Beweglichkeit, wenigstens einer minimalen Beweglichkeit. Schreiben kann kaum im Zustand der vollkommenen Vereinbarung stattfinden. Mein Schreiben ist insofern gedrängt, dass ich selbst danach dränge, eigentlich nicht ich, sondern das Schreiben selbst drängt. Ich darf dagegen nicht gezwungen werden. Dann wäre mein Schreiben nicht mehr mir, es wäre auch nicht sich selbst, sondern ein aufgezwungenes Schreiben, ein Bestellung. Aber eigentlich ist alles Schreiben gezwungenes Schreiben, weil es kein Außerhalb des Zwanges der Schrift gibt. Kein Schreiben ohne Schrift, die das Geschriebene zwingt. Kein Schreiben ohne Sprache, Kultur und Geschichte. Das wissen wir. Doch Ausgangspunkt des Schreibens ist – trotz dieses Wissens um den Mangel an „Authentizität“ – doch der Selbstbetrug. Motivation bleibt die Illusion der Präsenz und der Glaube an „den Einfall“ und „die Muße“. Und all diese Dinge, die eigentlich durch das Wort „Erfahrung“ ersetzt werden müssten. Vielmehr müsste es für uns heißen, man darf uns nicht die Erfahrung mit der Geschichte und den Geschichten rauben, sonst können wir nicht wahrhaftig schreiben.

Angstarbeit

Es ist erstaunlich, wie sehr sich mein politisches Denken vom idealistischen zum pragmatischen, erschreckend realitätsnahen, aus eigener Betroffenheit verändert. Dem Vogel Strauß wurde von der Wirklichkeit erheblich in den weit nach oben gereckten Hintern getreten. Die Medien sind schon lange gar nicht in der Lage, das zu sehen, was in Deutschland passiert. Und was sich hier verändert, sind Umbrüche. Das Denken verändert sich radikal. Das Politische Denken am „unteren Ende“ wird von Angst gesteuert. Man macht den Mund nicht mehr auf, sondern verdrängt. Und die Menschen, die von dieser Veränderung im Negativen betroffen sind, fühlen sich schuldig. Vielleicht ist man ja selbst an allem schuld. Nicht noch einmal alles verlieren. Man fürchtet sich davor, den Verlust nicht überwinden zu können. Das Leben als Streckbank. Die Politik (das angeblich subjektlose Subjekt), als Vollstrecker des Marktes und der Zwänge (noch so ein Subjekt ohne Gesicht), zieht die Schrauben an. Der Markt ist das Gesetz, und der Markt hat seine eigenen Gesetze. Aber der Markt soll sein Gesicht zeigen. Der Markt. Das sind doch auch wir selbst. Der Arbeitsmarkt, die Gewerkschaften, die Arbeitslosen, die ausgebeuteten Geringverdienenden . Wo bleibt die Solidarität, wenn die Angst Subjekt wird? Wenn die Angst für jeden Motivation zum Arbeiten sein soll und nicht mehr die alten Floskeln von Selbstverwirklichung usw.? Wenn nach Jahren der Absturz droht? Arbeit um der Arbeit willen… Arbeit aus Angst… Arbeitslosigkeit… die Arbeit mit der Angst… sich an der Angst abarbeiten, verarbeiten.

Leben im Rausch

Das Leben rauscht manchmal tatsächlich an einem vorbei. Es möchte heranrauschen, dieses Leben, das ich zum Subjekt dieses Satzes gemacht habe. Aber nicht das äußere Leben rauscht, es ist ganz klar. Nur die eigene Wahrnehmung ist verrauscht, zeitlos. Ich habe keine Zeit, obwohl die Zeit hin und wieder stehen geblieben zu sein scheint. Die Zeit zerrinnt, zerrauscht. Ich rausche. Dieses Rauschen ist keines, das man vielleicht aus den Dichtungen Gottfried Benns kennen könnte. Es auch nicht die „heilige“, innere Erfahrung der Subjektivität. Nicht die Auflösung von Außen und Innen, sondern ein Zustand der Vergessenheit (man müsste ja – der Redlichkeit halber – Worte wie „Vergessenheit“ bei Heidegger nachschlagen, wenn man solche Begriffe leichtfertig gebraucht). Ich vergesse meine Existenz und ich vergesse das Außen, hin und wieder erlebt man ein Zurückfallen, einen Rückfall in die Kälte, den Schnee, man denkt an die Heizrechnung usw. Diesen Rückfall erlebt man als einen Schock, der die teilnahmslose Einsamkeit bedroht, dieses selbstbezügliche Leben und Schreiben im Rausch ohne Spektakel oder wirkliche Kontemplation. Ist das ein Vorbote der Leichenstarre? Oder ein Zeichen für Arroganz: Ich will mit der Art von Leben, die mir hier angeboten wird, nichts zu tun haben. Es ist der Zustand der beängstigenden, machtlosen Berauschung. Einkehr ohne Selbsterforschung.

Scheinbar

„Es scheint“ und „scheinbar“ sind nur Ausdruck davon, von welch brüchigem Boden meine Rede, meine Schrift Diskurs hält. Diese Phrasen sind nur Entschuldigungen für die eigene Belanglosigkeit und Unsicherheit.