Ein Liebesbrief

Es war einmal ein junger Mann, der wollte den schönsten Liebesbrief aller Zeiten für seine Geliebte schreiben. Das Haus der Frau, der er diesen Brief zuwidmen wollte und die er über alle Maßen liebte, war nicht weit entfernt. Sie waren nicht durch die räumliche Entfernung getrennt.

Der Mann hätte jederzeit und ganz unkompliziert bei ihr vorbei schauen können. Es hätte nur eines Blickes, einer Geste bedurft, um ihr zu zeigen, was er für sie empfand. Die Liebe war noch frisch; so frisch wie ein duftender Apfelkuchen. Er kannte sie nicht gut, wusste nicht viel über sie, aber er wusste aus einem inneren Gefühl heraus, dass sie die Richtige sein müsse. In seinen Gedanken prägte er ihr das auf, was er in ihr sah. Es war das, was er ihr schreiben wollte: Was er in ihr sah. Read the rest of this entry »

Das Schreiben der Grenze

Das Schreiben der Grenze ist eine Schreibweise, die man gebraucht, damit sich eine innere Ruhe einstellt und man wieder schlafen kann. Mit dem Schreiben zimmert man sich nachträglich das Fundament, den Boden und die Dielen unter ein schwebendes Bett, das jeden Moment abzustürzen droht.

Schreiben heißt dann, sich selbst zu versichern, dass man da ist, dass man bis zu diesem Punkt gekommen ist, dass man einmal dort gewesen ist und nicht mehr zurückkommen wird. Es ist dann ein Augenblick des Erstarrens, des Todes, der das festhält, was nicht mehr aufzuhalten ist.

Perfektionisten

Manche Perfektionisten disziplinieren sich, andere fanatisieren sich.

Hoffnung des Melancholikers

Die Hoffnung des Melancholikers: an das Unmögliche glauben, mit dem Schlimmsten rechnen.

Die Löcher in der Welt

Das Unbeschriebene, Unbekannte erscheint uns wie ein großes offenes Loch, ein Spalt, aus dem das Schreckliche des Todes zu strömen droht. Durch Beschreibung und Bedeutung versuchen wir das Loch zu bändigen, in der Hoffnung, dass die Dichtung, die Pfropfung durch Bezeichnung, hält, sich verfestigt und sich niemals auflöst oder porös wird.

Es kann keine Öffnung (nichts Offenes) sein, die nicht geschlossen sein soll, in die nichts hineingesteckt wird.

Wie seltsam, dass wir ein Loch nur denken können, weil etwas fehlt, etwas sich der Bezeichnung widersetzt. Ein echtes Loch ist dunkel und offenbart nichts von dem, was dahinter steckt, es liegt meist in der Dunkelheit. Der Gedanke an ein Loch kann nur deshalb sein, weil wir annehmen, dass etwas seiner Vollständigkeit, seinem “eigentlichen” Zustand beraubt wurde. Nur wenn wir das mögliche Denken des Menschen eliminieren würden, könnten wir das denken, was dort ist, ohne ihm einen Namen zu geben (“Loch”/”Spalt”). Vielleicht ist diese denkbare Welt ein “Unspalt”, ein “Unriss”, ein “Unloch” in einer Gegenwelt, die nicht positiv ist und die in eine Welt führt, in der alles, was man bezeichnen könnte, die Vorsilbe “Un-” mit sich tragen müsste. Die Bezeichnung von etwas, das nicht da ist und was sich nur erahnen lässt, mit einem “Un-” ist natürlich schon eine Bezeichnung und eine Art des Ausweichens, die es dem bedeutungszuweisenden Denken ermöglicht, sich überhaupt als positives Denken zu konstituieren.