Schreiben (1): Todesurteil

Das Leben zieht sich manchmal hin wie das eines zum Tode Verurteilten, der die Vollstreckung des unausweichlichen Urteils abwarten muss, nachdem das letzte Gnadengesuch abgelehnt wurde. Jeder fühlt sich, als ob er etwas getan hat, welches das Schlimmste bewirken muss. Der Zeitpunkt des Schlimmsten ist ungewiss, man kann jederzeit ertappt werden. Das Schlimmste ist nichts anderes als die Angst vor dem eigenen Tod (nicht der Tod selbst).

Die Gewissheit des eigenen Todes macht unser Leben zu einem ewigen Abschiednehmen. Eine Schriftstellerin sagt einmal, dass alle literarischen Bücher vom Abschied nehmen handeln. Aber warum gibt es kaum ein Buch, das sich schon am Anfang verabschiedet und kein Ende hat. Nur die Fiktion kann das leisten. Sie kann das Schlimmste gleich am Anfang hinter sich bringen, sie kann das Schlimmste überwinden. Die Fiktion kann scheinbar den Tod überwinden.

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