“Schlechtes Gewissen”

Wenn sich ein Mensch verfolgt vorkommt, dann geschieht das oftmals aufgrund eines „schlechten Gewissens“ gegenüber dem, was ihn verfolgt. Wie viele unserer Handlungen werden durch ein „schlechtes Gewissen“ motiviert? Das „schlechte Gewissen“ ist gleichzeitig Schranke und koextensiver Ausgangspunkt einer Moral mit eigenen Regeln, zwischen Angst und den eigenen normativen Ansprüchen. Der „Sündenfall“, den man einmal gegen sich selbst oder einem anderen begangen hat, als Verfolgungswahn lässt er einen kaum noch los. Sogar die irrationalsten Handlungen lassen sich noch dadurch motivieren – und verschleiern damit die Herkunft ihres eigentlichen Antriebs. Das Schuldigsein ist die allererste Erfahrung des selbstbewussten Menschen, und das vielleicht nicht erst als Folge der Christenmoral. Schuldigsein, Sich-schuldig-Fühlen, bevor jemand den Schuldspruch ausgesprochen hat (außer vielleicht unbewusst man selbst), das ist eine Erfahrung, die man selten nur ausschließlich aus Werken Kafkas kennt.

Schreiben des Selbst (1)

Gerade habe ich dieses kleine Buch wiedergefunden. Eigentlich dachte ich, es wäre noch leer, und jetzt finde ich darin diese Sätze, an die ich mich jetzt langsam wieder erinnern kann.

Was bedeutet es, sich freiwillig einer scheinbar sinnlosen Aufgabe zu stellen, die man nach allem Dafürhalten nicht bestehen kann, ohne ernsthaften Schaden dadurch zu nehmen? Wenn aus der gewollten Einsamkeit eine zwanghafte wird und man den brüchigen Boden unter sich zertritt?

Jeder Tag bringt neue Ungewissheiten über die eigene Existenz und mehr Gewissheit, dass alles ein böses Ende nehmen wird. Ich will kein böses Ende, und ich sollte aufhören, es zu beschwören. Tatsächlich schreibe ich wieder autobiografischer. Mein eigenes Leben steht auf dem Prüfstand (voller Ängste und einiger kleiner Hoffnungen).

Leben im Aufschub

Leben im Aufschub
Für heute vertage ich mich auf morgen,
Die Leere wird nicht erlebt,
Sondern ausgesessen und eingestanden,
Ein Abgrund reicht in mich:
Stürze in die Vergangenheit.
Der Alltag will mich weiter-
ziehen und weiter.

Tag nach Tag
Nacht für Nacht
Tod für Tod

Leben, was nicht lebbar ist,
Tag für Tod und Tod für Tag.

Eingeständnis der Schuld

Überall muss man sich entschuldigen, und zwar dort, wo das eigene Handeln als unangemessen empfunden wird. Da sich kaum jemand der korrekten Sprache des Diskurses vollkommen angemessen bedient, sollte sich jeder Mensch gleich, wenn er auf eine andere Person trifft, entschuldigen. Entschuldigen für was? Entschuldigen für einen kleine Abweichung, eine kleine Verschiebung, eine Widerspenstigkeit, die sich dem, was als angemessene Kommunikation erscheint, widersetzt. Von welcher Schuld befreit man sich dann? Vielleicht von der “Schuld” nicht um seine eigene Unangemessenheit zu wissen. Und warum verspürt man dieses Unbehagen, wenn jemand seine Rolle als Gesprächspartner “schlecht” spielt? Ist dieser Mensch dann schon – sozusagen – “sozial inkompetent” (inkompatibel)? Das Geständnis und das Eingeständnis der eigenen “Schuld” sind wichtige Mittel, um den Diskurs zu bändigen. Zunächst erhofft man sich eine “Heilung” der Abweichung durch die “Einsicht”, dass man unangemessen spricht. Das Geständnis mit der Rede von “Schuld” soll aber auch andere davon abhalten “abweichend” zu sein. Ist es eine große Schuld, um die eigene Andersartigkeit und zugleich auch um die Andersartigkeit des anderen zu wissen? Warum Buße tun und Einsicht geloben?

Verständnis

Man läuft durch die Welt und sucht nach Verständnis, man will sich verständlich machen. Einen Moment glaubt man, der andere mit seiner Offenheit hätte einen verstanden, und bald schon merkt man, dass man nur an einander vorbei redet, dass alles ein Missverständnis war. Aber vielleicht geht es ja auch gar nicht so sehr um das Verstehen. Es will ja keiner verstehen in diesen Kriegszeiten. Es gilt, Sieger zu bleiben im alltäglichen Krieg. Wir wollen den anderen ein bisschen morden, um selbst nicht gemordet zu werden. Ein bisschen Verständnis muss man heute teuer bezahlen: an einen Psychiater, an einen Lebenspartner, der einem die Freiheit raubt. Wer mag sich schon auf einen anderen einlassen? Denken wir in Momenten, in denen wir das Gefühl haben, anerkannt zu werden, noch zurück an die verlorenen Kämpfe, an das Scheitern? Das grundlegende Scheitern jeder Kommunikation, jeder Freiheit, jedes Fünkchens Individualität ist damit gemeint.