Schreiben (3): Schreiben als Dialog

Schreiben ist ein Gespräch mit dem anderen oder mit sich selbst als anderen. Schreiben ist schon vom Prinzip her dialogisch. Mein Schreiben richtet sich aber an die Toten, an das Verlorene, das nicht mehr einholbar ist, den Augenblick, den man verschwendet hat, es richtet sich nicht zuerst an die Lebenden. Was nutzt eine Schrift, die nichts mehr ist, als eine verunglückte Grabrede. Mein Schreiben ist die Rede, die gänzlich verunglücken musste.

Verzeihung

Nur solches Verzeihen verdient diese Bezeichnung, das den „Schuldigen“ aus seiner „Schuld“ befreit und das „Opfer“ aus seiner „Opferrolle“. Das sind Begriffe aus der Rechtssprechung und der Theologie.
Verzeihen ist die Wiederherstellung gegenseitiger Anerkennung und die Anerkennung der Differenz des Anderen. Verzeihen kann nur, wer bereit zu vergessen ist. Nicht-Vergeben kann nur, wer ohne Schuld ist. Das Schlimme an dieser Aussage ist, dass das im Kern womöglich tatsächlich wahr ist.

Reformen, Reformen

Die Neuformation der gesellschaftlichen Verhältnisse, als Reform getarnt, welche in Wahrheit eine Umwälzung und Deformation von Grundrechten und der Prinzipien von Solidarität ist, wird immer mehr veralltagt. Ein unschönes, „unhippes Thema“. Aber auch in den Kanälen, die davon sprechen müssten, wird nicht alles gesendet, geschrieben und gesprochen, was ausgesprochen werden muss. Die Ursache für diese mediale Zurückhaltung ist der Druck und die Angst, bei einem „falschen Wort“ selbst dort anzukommen, wo sich ein Loch öffnet in das man unweigerlich hineinfallen wird, die Spirale, der Riss im System.  Man fällt nicht aus der Gesellschaft heraus, sondern wird vollkommen in diesem Loch eingemauert. Hier ist der Spalt, der im gesellschaftlichen Netzwerk, die äußerste Grenze darstellt. Die Hartz-Gesetze beenden endgültig die Rechte auf Freizügigkeit, Reisefreiheit; führen die Zwangsarbeit wieder ein; machen die Politik zum willfährigen Gehilfen des Großkapitals, beenden das Bankgeheimnis und jedes Geheimnis. Jeder Diskretion, jeder Intimität will man auf die Schliche kommen. Selbst die sozialen Utopien, die man in der Welt des politischen Denkens einmal hatte oder zu wagen hoffte, werden immer unaussprechlicher. Nachdem wir den „weinerlichen Zoni“ nicht mehr ertragen können, lassen wir ihn nicht mehr allein in seiner Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Es regiert die Angst. Diese Gesetze machen (fast) alle Deutschen endlich gleich: „Deutschland einig Hartz-IV-Land!“

Pessimismus

Der Pessimismus ist eine Lebenshaltung, die uns zeigt, dass alles schlimm enden muss. Er ist dem Optimismus überlegen, weil er nicht versucht, der letzten Konsequenz, dem Tod, auszuweichen. Der Pessimismus gehört wie die Kritik und die Melancholie zur lebendigen, aber auch tödlichen Kunst der Schwarzmalerei.

Experimente

Ein Experiment: Setze dich an einen öffentlichen Ort und schreibe, was Du siehst! Schreibe, fang an zu schreiben!
Woher die Tendenz zur gesprochenen Sprache? Eine Neigung zur Nachlässigkeit?
Was mag im Kopf eines Menschen vorgehen, der sich dazu entschließt, Fahrkartenkontrolleur zu werden?