Staunen und Verändern

Warum bekommt man so selten die Gelegenheit jemand anders, auf andere Weise kennen zu lernen? Meist bemerken wir die Veränderung des Anderen erst, wenn es zu einem Abbruch des Kontakts kommt. Das mag auch daran liegen, dass wir Veränderungen dem Anderen sehr übel nehmen (besonders Veränderungen, die man selbst nicht angewiesen hat). Wir müssen uns dann nämlich selbst ändern, um das neue andere am Anderen zu verstehen. Vielleicht gibt man oft zu schnell aus Bequemlichkeit auf.
Aber diese Gewohnheit hindert uns auch daran, neue, andere Erfahrungen mit dem Anderen zu machen. Die Gewohnheit verleitet uns dazu, immer das Gleiche, Vorhersehbare zu erleben. Selbst wenn wir uns auf ein Abenteuer einlassen, haben wir schon eine gewisse Vorstellung davon, wie sich dieses Abenteuer gestalten soll. Bei unserer Vorstellung von einem Abenteuer greifen wir wieder auf alte Erfahrungen, Eindrücke, Angelesenes zurück. Das ist klar. Aber trotzdem lassen wir nichts unversucht, das Andersartige zu bändigen, indem wir es klassifizieren, berechnen, in einen Zusammenhang einordnen, der uns schon altbekannt erscheint. Das Staunen muss schließlich zurücktreten aus Angst vor dem, was unser Denken vielleicht aus der Bahn werfen könnte. Fehlt der Mut, das Staunen zu umarmen?

Armut und Reichtum

Wer „arm“ ist, wird bewegungslos, zäh und undynamisch. Was „reich“ ist, kann sich bewegen, erheben. Reich sein ist die Möglichkeit, viele positive Erfahrungen zu machen, arm sein bedeutet oft, Erfahrungen nur aus zweiter Hand machen zu können (Fernsehen, Computer, Bücher, andere Medien, das „Hören-Sagen“). Arm sein kann bedeuten, festgenagelt und ängstlich zu sein (Angst vor dem der nächsten Rechnung). Armut ist vielleicht einer der größten Auslöser für eine tiefe Angst. Die Androhung von Armut kann als Waffe wirken.

Geschichten machen

Die trügerische Authentizität eines Tagebuchs verliert schon deshalb, weil der Schreibende dazu neigt zurückzublättern. Schon befindet er sich wieder im Vergangenen, in seiner pseudo-authentischen Geschichte. Und schnell fügt sich eins ins andere: Es entsteht unwillkürlich eine mehr oder minder zusammenhängende Geschichte, die sich mehr und mehr einem beherrschenden Stil, einem Ton, einem Plot und einer Teleologie anpasst.

Manche Tage

Manche Tage sind einfach nur dazu da, sie möglichst ohne Eigen- und Fremdgefährdung zu überstehen. Man lenkt sich ab und geht einer sinnlosen und zeitaufwändigen Tätigkeit nach. Manchmal können diese Tage auch für eine Ewigkeit wiederkehren oder bleiben. Für den Mut und Tapferkeit, diese Tage zu überstehen, werden keine Orden verliehen. Man wartet auf den erlösenden Anruf, einen Brief, ein Wort, aber man erwartet keine Auszeichnungen.

Abhängigkeit und Anerkennung

Kennen Sie das? Ist Ihnen das Gefühl der Abhängigkeit von Worten bekannt? Warten auf ein Wort, eine Selbstvergewisserung, die einem ein Leben, eine Identität, Anerkennung (zurück-)schenkt. Bleibt das Wort aus, nehmen wir es dem, der es geben sollte, übel. Wissen auf welches Wort der andere wartet, ist Einverständnis und Einfühlungsvermögen (Sympathie), die wachsen müssen. Alles andere ist Einbildung, Projektion. Das Wort kennen heißt, eine ähnliche oder gemeinsame Geschichte zu haben. Die Wiederherstellung und Erneuerung der sympathischen Anerkennung des Anderen gelingt nur, wenn man in der Lage ist, sich dieser gemeinsamen Geschichte zu erinnern. Alles andere ist der Versuch der Auslöschung der Geschichte des Anderen oder die Unfähigkeit, sich dieser gemeinsamen Geschichte zu erinnern.