{"id":91,"date":"2007-02-28T02:39:38","date_gmt":"2007-02-28T00:39:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=91"},"modified":"2010-02-23T19:41:21","modified_gmt":"2010-02-23T17:41:21","slug":"im-see-des-verstummens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=91","title":{"rendered":"Im See des Verstummens*"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"1\">* W\u00e4re die Metapher nicht so verbraucht, h\u00e4tte ich &#8220;Meer des Schweigens&#8221; geschrieben. Au\u00dferdem st\u00f6rt mich der Gleichklang mit der sogenannten &#8220;schweigenden Mehrheit&#8221;, die uns auf Zuruf im Alltagsdiskurs immer wieder als sofort einleuchtende &#8220;Wahrheit&#8221; aufgedr\u00e4ngt wird. <\/font><\/p>\n<p>Wenn man aus dem See des Verstummens f\u00fcr einen Moment auftaucht, schnappt man nach Atemluft, man braucht eine Zeitlang, um wieder sprechen zu k\u00f6nnen, um irgendetwas zur Sprache zu bringen. Manches Wort erstickt, ist unverst\u00e4ndlich, manches Wort findet nicht mehr den Weg \u00fcber die Stimmb\u00e4nder und die Zunge nach Drau\u00dfen. Und es ist \u00fcberaus fraglich, ob jemand gerade drau\u00dfen, am Ufer des Sees steht, wenn man als Ertrinkender nach Hilfe ruft.<\/p>\n<p><!--more-->Manchmal ist es scheinbar besser, jemandem im Schweigen ertrinken zu lassen, weil man sich vor der Sprache eines Menschen f\u00fcrchtet, der es hat soweit kommen lassen. Einer, der sich wohlm\u00f6glich selbst in diese Lage gebracht hat, und bei dem ein Rettungsversuch auch das unberechenbare Wagnis mit sich zieht, selbst hinab in den Schlund des morastigen Sees gerissen zu werden. So weit (und so tief) m\u00f6chten die anderen nicht sinken. Von der fragmentarischen Sprache, dem verschluckten Aufschrei, will man nichts h\u00f6ren, wenn man sich nach dem Perfekten, dem Vollendeten sehnt. Nicht jeder kann diese Sprache h\u00f6ren. Und noch wenigere k\u00f6nnen sie verstehen.<\/p>\n<p>Hin und wieder treibt jemanden die Sensationslust an den See, man m\u00f6chte dem Ertrinkenden endlich sterben sehen. Die Lust am Scheitern des Anderen versichert die, welche nicht versinken m\u00fcssen und am befestigten Ufer stehen, dass ihre Sprache und ihr Leben ungef\u00e4hrdet sind und bleiben werden. Oft sind es diejenigen, die den Ertrinkenden selbst in den See geworfen haben, welche nachts am Ufer stehen und das verzweifelte Rudern und das unverst\u00e4ndliche, nutzlose Gestammel des sterbenden Sprache genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nur ein Zufall oder der Gl\u00fccksfall einer Entdeckung (oder vielleicht Wiederentdeckung)\u00a0durch jemanden, der diese Sprache durch zuh\u00f6rendes Lernen kennt oder diese Sprache versteht, weil er die Erfahrung aus eigener Erfahrung kennt und sich ihrer wieder erinnert, w\u00e4re in der Lage, diese Sprache vor dem v\u00f6lligen Verstummen zu retten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>* W\u00e4re die Metapher nicht so verbraucht, h\u00e4tte ich &#8220;Meer des Schweigens&#8221; geschrieben. Au\u00dferdem st\u00f6rt mich der Gleichklang mit der sogenannten &#8220;schweigenden Mehrheit&#8221;, die uns auf Zuruf im Alltagsdiskurs immer wieder als sofort einleuchtende &#8220;Wahrheit&#8221; aufgedr\u00e4ngt wird. Wenn man aus dem See des Verstummens f\u00fcr einen Moment auftaucht, schnappt man nach Atemluft, man braucht eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=91"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=91"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=91"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=91"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}