{"id":71,"date":"2007-01-06T00:52:28","date_gmt":"2007-01-05T22:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=71"},"modified":"2011-01-21T23:16:57","modified_gmt":"2011-01-21T21:16:57","slug":"biografien-und-tagebucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=71","title":{"rendered":"Biografien und Tageb\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p>Tagebuch schreiben erscheint mir in diesen Wochen wieder als ein wenig zwecklos. Die Gedanken, die man darin aufschreibt, sind doch allein Ansichten, die man nur f\u00fcr kurze Dauer. Nichts, was im Fluss des Denkens Bestand h\u00e4tte. Schl\u00e4gt man, was selten genug vorkommt, ein paar Seiten in diesem Buch zur\u00fcck, wird man sich vielleicht \u00fcber das zuvor Geschriebene wundern, vielleicht sogar vor Scham erschaudern. Es bleibt nur Weniges, was Bestand hat, aber selbst das, was bestehen bleiben kann, ist meist banal. Das Spontane, die Egozentrik, das Banale, die Selbstverhaftung versperren das, was wahr ist und das, was war. Die vermeintliche Authentizit\u00e4t ist ein Betrug. Vielleicht sollten die Menschen, denen man im Leben begegnet, ein Tagebuch \u00fcber denjenigen schreiben, der sich ein solches w\u00fcnscht. Sie sollten alle Vorstellungen, Vorurteile, Wahrnehmungen usw., die sie bei der Begegnung mit dem Menschen hatten, der sich ein besonders authentische Biografie w\u00fcnscht, niederschreiben. Vielleicht sollten sogar all die, die ihn \u00fcberhaupt nicht kennen, ein Tagebuch \u00fcber den Unbekannten schreiben. Und vielleicht k\u00e4me das einer &#8220;Wahrheit&#8221; n\u00e4her. Wahrscheinlich w\u00e4re das Ergebnis f\u00fcr den &#8220;Biografierten&#8221; sehr unbefriedigend, aber das Ergebnis w\u00e4re wohl ein wenig aufrichtiger. &#8220;Selbsterkenntnis&#8221; durch ein Tagebuch zu erhalten, das ist doch wirklich sehr unwahrscheinlich. Es gibt dem Schreibenden vielmehr die M\u00f6glichkeit, sich selbst in eine Schublade zu stecken. Wem sollten wir es schlie\u00dflich zumuten, eine Biografie zu schreiben? Ein biografische Notiz ist schon zu viel verlangt.<\/p>\n<p>Nun gut, wir gehen jetzt einmal davon aus, dass man sich einen eigenen Biografen leisten kann. Der teuer bezahlte Biograf, finanziell abh\u00c3\u00a4ngig vom Auftraggeber, muss sich beim Schreiben beschneiden. Er muss, m\u00f6chte er einen gewinnbringend arbeiten, die Person in einem m\u00f6glichst positiven Licht erscheinen lassen, welches der \u00d6ffentlichkeit gef\u00e4llt. Das ist er der Biograf sich selbst und dem Beschriebenen schuldig. Selbst wenn die wohlmeinende Darstellung nicht gew\u00fcnscht w\u00e4re, w\u00fcrde sich der Biograf darum bem\u00fchen, dass der Dargestellte mit der Verschriftung seines Lebens zufrieden ist. Und selbst, wenn keiner dem Biografen einen Auftrag gibt: Der Schreibende ist nie unabh\u00e4ngig. Immer gibt er auch etwas von seiner Welt und seinen W\u00fcnschen hinzu, selbst wenn er noch so sehr versuchte, sich zum Verschwinden zu bringen.<\/p>\n<p>&#8220;Wahres&#8221; kann man scheinbar nur schreiben, wenn man sich ein St\u00fcck weit vom Subjekt, auch von sich selbst, entfernt. Wenn man ein St\u00fcckweit versucht, aus sich heraus zu treten und der Sprache selbst ihren Raum gibt und ihre F\u00e4higkeit, Realit\u00e4ten zu erzeugen anerkennt. Und wenn man auch ihr, der Sprache, genug Skepsis entgegen bringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch schreiben erscheint mir in diesen Wochen wieder als ein wenig zwecklos. Die Gedanken, die man darin aufschreibt, sind doch allein Ansichten, die man nur f\u00fcr kurze Dauer. Nichts, was im Fluss des Denkens Bestand h\u00e4tte. 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