{"id":67,"date":"2006-07-18T01:17:43","date_gmt":"2006-07-17T23:17:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=67"},"modified":"2013-02-04T18:22:20","modified_gmt":"2013-02-04T16:22:20","slug":"beschwerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-grenze.com\/wordpress\/?p=67","title":{"rendered":"Beschwerde"},"content":{"rendered":"<p>Nach einigen Monaten greife ich wieder zu diesem kleinen schwarzen Buch, das f\u00fcr Aufzeichnungen bereit liegt. Ich bl\u00e4ttere mich durch das Gekritzel und muss dabei feststellen, dass einigen Texten in meiner Abwesenheit gro\u00dfes Ungl\u00fcck wiederfahren ist. Sie haben sich ver\u00e4ndert, sind verzerrt und unleserlich geworden. Mit der Zeit haben sie gro\u00dfen Schaden genommen. Schuld daran ist allem Anschein nach mein Schreibger\u00e4t gewesen: der Stabilo point 88 (sic!) fineliner 0,4 in Schwarz. Als Ergebnis seiner monatelangen zerst\u00f6rerischen Arbeit am Papier und all der Barbarei pr\u00e4sentiert er mir nur ein blutrotes Schlachtfeld. Seine Hinterlassenschaft ist eine verschmierte purpurne Schrift, die sich durch das Papier bis auf die R\u00fcckseite eines Blattes gefressen hat. Die dunklen Buchstaben auf der Vorderseite vermischen sich mit der r\u00fcckw\u00e4rtigen Schrift. Was ungleichzeitig war, will sich nun zum Anschein des Gleichzeitigen vereinen. Dieses Verschwimmen der Schrift mag zum Teil der hohen Luftfeuchtigkeit der letzten Monate geschuldet sein. Alles ist jetzt \u00e4u\u00dferst schwer entzifferbar. Wie lange wird es dauern, bis nichts mehr von der vorg\u00e4ngigen Schrift, die sich einmal dort manifestieren wollte, zu lesen ist; die Schrift sich schlie\u00dflich wechselseitig austilgt und zerfrisst?<\/p>\n<p>Vielleicht sollte ich mich beschweren&#8230;<\/p>\n<p>Ich sollte die Firma, die diesen Stift herstellt, anschreiben und zur Verantwortung ziehen! Sie sollen sich dann als Angeklagte verteidigen!<\/p>\n<p>Ich sollte mich also beschweren&#8230;<\/p>\n<p>Wieso beschwert man eigentlich <em>sich<\/em>? Eigentlich sollte man die Beschwerde auf jemand anderen legen, damit sie ihn beschwert, ihn mit schwerer Schuld bel\u00e4dt. Dann h\u00e4tte man wenigstens ein bisschen Genugtuung f\u00fcr den Schaden. Nein, eigentlich beschwert man nur sich selbst mit einer Beschwerde. Beschwerden tragen sozusagen immer schon die Selbstbeschwerung in sich. Ein Schuldgef\u00fchl, das auf dem Beschwerdetr\u00e4ger lastet, ist immer schon eingebaut.<\/p>\n<p>Die Nachteile des Beschwerens liegen auf der Hand:<\/p>\n<p><em>1. Es gibt \u00c4rger.<\/em><\/p>\n<p><em>2. Man gilt als unzufriedener, unbelehrbarer st\u00e4ndiger N\u00f6rgler. Mit einer Beschwerde stellt man sich als bedr\u00fcckt, beschwert und beklagenswert dar. Man gibt keine gute Figur ab. <\/em>  <!--more--><\/p>\n<p><em>3. Der, den man beschweren m\u00f6chte, kann sich seinerseits mit einer Beschwerde r\u00e4chen. Ein Eklat, ein ewiger Zwist wird sich wohlm\u00f6glich daraus ergeben!<\/em><\/p>\n<p><em>4. Man ist sich unsicher, ob derjenige, bei dem man sich beschwert, wirklich der Schuldige ist. Ein ganz unschuldiger, unbescholtener Genosse muss nun vielleicht herhalten, nur weil er meine Post lesen, meinen Anruf entgegennehmen muss. Am Ende war man vielleicht sogar selbst Schuld, ist nicht sachgem\u00e4\u00df mit diesem Gegenstand umgegangen, hat vielleicht sogar unwillentlich zur schlimmen Sachlage beigetragen. Vielleicht hat man selbst ein beschwerensw\u00fcrdiges Verhalten an den Tag gelegt. Man ist ja auch nicht immer perfekt. Das muss man schlie\u00dflich zugeben und einsehen. Ein Schuft ist doch, wer sich \u00fcber etwas beschwert, aber in Wahrheit selbst nicht alles richtig gemacht hat, in Wahrheit also &#8211; kurz gesagt\u00a0&#8211; ein gedankenloser Pfuscher ist. Wenn das auffliegt, nicht auszudenken.<\/em><\/p>\n<p><em>5. Ich wei\u00df nicht genau, worin der Unterschied zwischen einem &#8220;Beschwerdef\u00fchrer&#8221; und einem &#8220;Beschwerdetr\u00e4ger&#8221; besteht. Das ist verwirrend. Meine Unwissenheit steht allerdings dem Grundsatz entgegen, dass man sich g\u00e4nzlich dar\u00fcber im Klaren sein muss, welche Rolle man in einem solchen Fall wie diesem einzunehmen hat, falls es denn verschiedene Rollen sein sollten.<\/em><\/p>\n<p><em>6. Eine Beschwerde anzuzetteln, ist auch mit einer gewissen Anstrengung, um nicht zu sagen Verausgabung, verbunden. Man beschwert sich mit Sorgen. Was wird beispielsweise auf die Beschwerde folgen? Selbst wenn die Beschwerde auf keine Ablehnung st\u00f6\u00dft, resultieren aus ihr meist nichts als \u00c4rger und Schuldgef\u00fchle (z.B. wird eventuell jemand aufgrund der Klage einen Tadel bekommen). Die Beschwerde kann letztendlich Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine Schwermut sein. Beschwerden machen schwerm\u00fctig.<\/em><\/p>\n<p><em>7. \u00dcber kurz oder lang wird man krank werden. Denn wer Beschwerden hat, hat vermutlich Krankheiten. Man macht sich mit seiner Beschwerde zum Au\u00dfenseiter, der sich besser gleich selbst interniert, nicht auf die Stra\u00dfe geht, nicht mit mit den Leuten spricht, um sie nicht mit seiner beschwerlichen Schwermut anzustecken. Gerade jetzt sollte man es als Deutscher unterlassen herumzukr\u00e4nkeln und zu granteln, wenn man im Lande scheinbar wie aus heiterem Himmel, aber wohl doch nicht ganz zuf\u00e4llig, wiederentdeckt hat, dass man &#8220;ganz unverkrampft&#8221; und unbeschwert &#8211; ohne all die Bedenkentr\u00e4ger und Beschwerdef\u00fchrer &#8211; feiern kann. <\/em><\/p>\n<p><em>8. &#8220;Einfach so beschweren&#8221; kann man sich aus oben genannten Gr\u00fcnden nicht. Beschweren ist einfach nur destruktiv, sorgt f\u00fcr kein gutes Klima. Besser w\u00e4re es also, konstruktive Vorschl\u00e4ge zu machen, mich einzubringen. Leider fehlt mir dazu das n\u00f6tige Wissen. Von der Entwicklung von Prototypen angefangen bis hin zu den einzelnen Produktionsabl\u00e4ufen in der Stifteherstellung. <\/em><\/p>\n<p><em>9. Beschweren ist, wie der Name schon andeutet, schwierig. Schwierigkeiten machen bedeutet auch, aufr\u00fchrerisch zu sein. Meine missbilligenden \u00c4u\u00dferungen \u00fcber einen scheinbar nur mich belastenden Umstand, k\u00f6nnten als Angriff missverstanden werden, zudem sind sie Indiz f\u00fcr meine Unf\u00e4higkeit, mit den heutigen Gegebenheiten sorglos und mit einer wie selbstverst\u00e4ndlich wirkenden\u00a0Souver\u00e4nit\u00e4t umzugehen. Vom Bedenkentr\u00e4ger ist es nicht weit zum Verd\u00e4chtigen, zum Revolution\u00e4r.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Ich<\/em> werde mich wohl nicht beschweren. Zu dieser Einsicht muss ich nach Pr\u00fcfung aller m\u00f6glicher negativer Folgen kommen.<\/p>\n<p>Nein, man muss eine Form von Kritik finden, die das Subjekt, das Ich, das schreibt und das sich beschweren will, ausl\u00f6scht. Das schreibende Ich, darf nicht in einer Form existieren, in der es sich selbst angreifbar und damit belastbar macht. Denn allein der Gegenstand der Kritik hat die Zur-Last-Legung verdient. Sich beschweren, von sich schreiben, von sich sprechen, ohne sich selbst mit etwas zu beschweren, sich verd\u00e4chtig zu machen: Ein Traum.<\/p>\n<p>Ich werfe den Stift in den M\u00fclleimer.<\/p>\n<p>Die Antwort des Entwicklungsleiters von Stabilo steht im Kommentar zu diesem Artikel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einigen Monaten greife ich wieder zu diesem kleinen schwarzen Buch, das f\u00fcr Aufzeichnungen bereit liegt. 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