| Schreiben
als Bewegung des Denkens (Fragment)
Alle
geschriebenen Bücher sind beschnittene Bücher, sie fangen nicht dort
an, wo ihr tatsächlicher Anfang ist, sondern der Schreibende schneidet
den Anfang ab. Aber jetzt und hier am Beginn von einem Text, bei dem
man noch nicht weiß, wohin er gelangen wird, schreibe ich vom Anfang,
der nicht der wirkliche Anfang ist, sondern ein begrenztes Anfangen.
Dass ich überhaupt anfange zu schreiben, hat viele Tage gekostet, in
denen ich schreiben wollte, aber mich vor diesem anfanglosen Anfang
fürchtete. In dieser Zeit habe ich Vorhänge und Tapeten mit meinem Zigarettenqualm
in ein bräunlich-warmes Gelb verwandelt. Nun ist der Zeitpunkt gekommen,
an dem ich die Sprache sprechen lassen will, sie soll allein ihren Weg
finden, wandern, lebendig sein, meinen Kopf zerpflügen, wie sie es gewöhnlich
tut. Lange hat es gedauert, die Sprache wieder in eine Bewegung des
Schreibens zu verwandeln. Und es schreibt sich, es fängt an; die Beschneidung
ist vorgängig, aber immer noch präsent in ihrer Abwesenheit. Die Worte
gehen durch mich hindurch: Wiederkehrende Worte, Verletzungen, Schreie,
ein Ruf nach dem, was sich lieben lässt, ein einsamer Gesang in der
Dunkelheit, der Schmerz in meinem Kopf, die entzündeten Augen. Aneinanderreihungen
von Phrasen, die es mir doch unmöglich machen, einen Anfang zu setzen,
scheinen auf, verschwinden in der Vergessenheit. Und nun haben es die
Worte geschafft; sie sind endlich auf das Papier gesprungen, sie warten
auf das Abenteuer eines Textes, der noch nicht weiß, wohin er sich bewegt.
Jetzt stehe ich auf, bewege mich weg von der Anhaftung des Blattes,
löse mich von dem situierten, fixierbaren Ort der Schrift. Die Schreibhand
durchbricht die Verhaftung mit einem Gedankenstrich der ins Offene weist.
Ich gehe weg aus diesem Zimmer, dem Schreibraum, und lasse die Buchstaben,
welche mir nicht zugehören, die Welt durchdringen. Ich setze ein Wort
an das andere, einen Schritt an den anderen; eine Rückkehr (zum Blatt,
zur bekannten Form) ist möglich, aber nur verändert. Es geht los, es
geht, meine Schrift darf meine Welt bauen, sie darf die gewohnte Welt
für einen Moment formen, damit ihre eigentliche Deformiertheit zum Vorschein
kommt. Die Wände streiche ich um mit meiner Schriftfarbe, sie glänzen
in rot, in blau, in schwarz, sie wechseln die Farbe in der Geschwindigkeit
meines Atems und meiner eigenen Unentschlossenheit.
Ich möchte mit meiner Sprache die eigene Wohnung verlassen, aber die Türe ist versperrt. So suche ich nach Schlüsselworten, die mir die Tür öffnen sollen für das, was ich noch nicht sehen kann. Mir gelingt es lediglich, die Tür einen Spalt weit aufzubekommen, damit ich einen kleinen Ausschnitt aus einer kommenden Welt erkennen kann. Ich überlege, ob ich Brecheisen-Worte kenne, die mir durch einen Akt der Gewalt die Tür öffnen können. Hinter der Tür könnte sich Gewalt und Tod verbergen, es könnte eine grausame Welt des Zwangs sein, aber auch gleichzeitig die gefährliche Welt der augenblicklichen Befreiung. Ich will die Gewalt und Grausamkeit zunächst nicht mit eigener Brutalität herausfordern. Mit dem richtigen Schlüssel könnte ich mich vielleicht von mir lösen, mich vergessen, ein neues Ich erfinden und das alte auslöschen. Den Schlüssel für die Tür kann ich in keinem meiner Bücher finden, der Schlüssel liegt bei mir, aber an einem Ort, der jenseits dieses gewöhnlichen Ichs liegt, nämlich an dem Ort, an dem dieses Ich seine äußerste Grenze findet. Dieses sich von sich selbst entfernende Schreiben kann in naher Zukunft nicht bloß und zugleich anmaßend das Denken eines anderen verändern, sondern meine eigene Denkweise hinterfragen, verwerfen, in der transkriptiven Bewegung überschreiten. Wenn man mich fragte, warum ich kein zweites Buch geschrieben hatte, dann wusste ich zunächst nicht, was ich antworte sollte. Aber jetzt fällt es mir ein, wenn das erste Buch ein gutes Buch gewesen wäre, wäre es nicht nötig gewesen, ein zweites Buch zu schreiben. Das erste Buch sollte wirklich ein gutes werden, und deshalb wurde es immer wieder überarbeitet, entstellt, umgestellt, verändert, Worte eingeschoben, gestrichen und verschoben. Das Buch wurde so lange verbessert, bis es verworfen werden musste und durch ein neues, zum möglichen Scheitern bereites Buch ersetzt werden konnte. Ein Buch, das auch nicht am Anfang anfängt und bei dem man nicht weiß, was am Ende daraus entstehen kann. Ein Bild der Hölle: Die vollständige, anfanglose, zu Ende gedachte Sprache. Worte von Geilheit und Hässlichkeit. Worte von Macht, Souveränität und einer intensiven Erfahrung des Selbst. Worte der vollkommenen Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit. Worte, welche die Niedergeschlagenheit, die Erschütterung, den Alltag, die Welt der Arbeit beenden. Worte, die sich gegenseitig zerfetzen wie ein Rudel Wölfe. Worte, die nichtig sind. Worte, die sich hassen, weil sie einem selbstreflexiven Hass entspringen. Worte im Hass auf ihre Bedeutung: Nichts sagend zu viel sagend. Worte, die lieben und nur lieben und sonst nichts. Entwortete Worte. Blutende Worte, geschundene Worte, Wortwunden, fragmentarische Sprache, verkörperte Sprache, ins lebendige Fleisch geschnitten, Fleischsprache. Juli/August 2004 (c) Marc C. Jäger <--Allegorie -->Topographie |
|